Wir trauern um Natalija Kalinina

von Jörg und Katrin Eigendorf

Es ist einer der Segnungen im Leben mit einem sehr schwer behinderten Kind, dass man im Laufe der Zeit ganz besondere Menschen kennenlernt – Menschen, die man so vermutlich nicht kennengelernt hätte. Ein ganz besonderer dieser besonderen Menschen war Natalija Kalinina – kurz Natascha. Wir haben sie im Sommer 1993 kennengelernt,  als wir als Journalisten nach Moskau gingen. Schnell war uns damals klar, dass wir unsere Zeit besser damit verbringen, Artikel zu schreiben, während Natascha unseren Haushalt managte – einschließlich unseres Hundes Stipe und der elf Umzüge im ersten Jahr in Moskau.

Aber richtig kennengelernt haben wir Natascha erst, als wir vier Monate nach Philip-Julius’ Geburt mit unserem damals schon schwer kranken Kind nach Moskau zurückkehrten. Natascha schloss unseren Sohn sofort ins Herz, wie ihren eigenen Sohn. Sie hatte selber einen kleinen Jungen, den sie liebevoll aufzog, später dann auch zwei Enkelkinder. Doch wir hatten immer das Gefühl, dass Natascha Philip liebte, als sei er ihr Fleisch und Blut. Und Philip liebte sie: ihre Stimme, ihre Hände, die ständigen Wiederholungen, ihre russischen Lieder. Natascha war immer da, wenn wir sie brauchten: ob zu Hause, auf der Datscha oder im Krankenhaus. Ob für unsere Kinder oder für uns.

Als dann unsere Tochter Alexandra zur Welt kam, war für uns sofort klar, dass wir auch mit zwei Kindern nach Moskau zurückkehren würden. Und das lag auch an Natascha. Sie war zur Geburt sogar mit nach Köln gekommen, um uns mit Philip zu unterstützen. 

Und sie blieb immer in unserem Leben und Teil unserer Familie, auch nachdem wir im Herbst 1999 Moskau verließen und nach Deutschland zurück kehrten. Sie wurde Philips Patentante und kam uns jedes Jahr im Sommer für mehrere Wochen besuchen. Unsere Kinder liebten es, wir liebten es, wenn sie bei uns war. Sie war Familie.

Nun ist sie von uns gegangen, viel zu früh, nicht einmal 60 Jahre alt, plötzlich schwer erkrankt. Ein Mensch, der immer gesund war. Sie starb in Moskau allein auf einer Isolierstation – nicht einmal ihr Mann Sergej durfte wegen Corona zu ihr. Es ist schwer zu ertragen, dass dieser so schöne Mensch so leidvoll von uns gegangen ist, ohne dass sie von uns Abschied nehmen konnte. Und wir von ihr.

Wir haben Natascha unendlich viel zu verdanken, neben der Liebe und Fürsorge, die sie uns als überforderte Familie teilwerden ließ, ermöglichte Natascha uns auch, dass wir unseren Berufen nachgehen konnten. Wir wären nicht das, was wir sind ohne Natascha.

Jeder Mensch hinterlässt im Laufe seines Lebens Spuren. Die tiefsten davon im Herzen. Und je tiefer diese Spuren sind, desto größer sind der Schmerz und die Sehnsucht, wenn ein Mensch von uns geht. Wir sind in tiefer Trauer um Natalija Kalinina und wünschen uns, dass unser Philip sie dort, wo sie jetzt ist, in seine Arme nimmt.

Katrin & Jörg Eigendorf, Philip Julius‘ Eltern

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