Das Gespenst Zukunft

Kerstins Sohn Matteo, heute 7 Jahre alt, kam als frühes Frühchen auf die Welt. Mit ihm zogen Sorgen und Ängste ein, piepende Apparaturen … und das Gespenst Zukunft. 
Kerstin erzählt:
Auf meinem Bauch liegt mein winziges, 12 Wochen vor dem Termin auf die Welt geholtes Mini-Baby. Wir sind auf der Neonatologie, der Frühgeborenenintensivstation. Schläuche, Monitore, Piepen gehören seit 10 Tagen genau so zu unserem „Alltag“ wie unendlich viele Fragen, Sorgen und Angst. Vor mit sitzt ein Arzt und versucht mir die Diagnose für meinen kleinen Sohn zu sagen. Ich schwöre, ich höre das Geräusch zerplatzender Seifenblasen. Außerdem sehe ich mich irgendwie selbst dort sitzen und denken, dass das alles nur ein Irrtum sein kann.
Auf keinen Fall kann der Arzt doch mein Baby meinen, wenn er von schlechten Prognosen, nicht laufen werden und möglicherweise schwersten Beeinträchtigungen spricht.

Ein paar Tage später stellt sich auf der Station eine Frau vom hiesigen Eltern-Frühchenverein vor. Gut gelaunt und unglaublich positiv wirken wollend, will sie uns frischen Frühchen-Mamis hier auf der Station sicherlich Mut machen. Sie hat ein Fotoalbum dabei. Ihre Tochter war selbst einmal Frühchen. Nun steht sie vor dem Schulabschluss und will eine Ausbildung beginnen.
Stolz zeigt die Mutter die Fotos von der Einschulung und berichtet, wie wunderbar alles geworden ist. Ihre Botschaft: ein „Frühchen“ ist kein Beinbruch, es wird alles gut.
Tatsächlich wurde bei Ihrer Tochter alles gut.
Tatsächlich wird auch bei vielen anderen Frühchen alles gut. Oder zumindest vieles.

Ich aber liege hier in dieser unwirklich wirkenden Umgebung, die meinem Sohn das Leben rettet und kann nur denken „Geh weg“!


Dieses Hochglanz-Fotoalbumglück ist so kurz nach der Diagnose zu viel für mich.
Wird mein Sohn jemals überhaupt in einen Schule gehen können?
Was wird er überhaupt können? Wie wird sein Leben, unser Leben – das sind die Fragen, die in meinem Kopf seit ein paar Tagen unaufhörlich hämmern.
Ja, ich weiß, diese Frau hat es gut gemeint. Ja, ich weiß, sie wollte nur helfen…
Für mich war das aber nichts. Sie half mir nicht. Sie machte mir Angst.

Denn sie hatte das Gespenst Zukunft mitgebracht.

Dieses Gespenst geistert seitdem immer wieder unaufgefordert bei uns zu Hause rum.
Es wirkt bedrohlich, lähmend, gruselig.

Angekommen im neuen Alltag, erzielte ich dem Gespenst alsbald Hausverbot.
Schon bald gewöhnte ich mir an, nicht mehr an die Zukunft zu denken, sondern an das Jetzt. Mich nur noch darauf zu konzentrieren und auf den unmittelbar nächsten Schritt. Das gab ein bißchen Halt.
Doch das Gespenst hielt sich nicht an die Regeln. Lugte es durch den Türspalt, verursachte es rasch wieder Karusselfahrten der Gedanken.

24.08.2018…viele Jahre später…

Mein Sohn kommt in die Schule.
Sein großer Tag.
Wir feiern Einschulung.
Es ist eine besondere Schule.
Nein, es ist nicht alles gut geworden.
Nein, es wird auch weiterhin nicht alles gut werden.
Aber es ist viel mehr geworden als gedacht. Immer wieder höre ich in letzter Zeit Sätze wie: „Das war nicht zu erwarten. Das haben wir nicht für möglich gehalten.“
Ja, der Weg bis hierher war nicht immer ein Zuckerschlecken.
Ja, er war anders, als ursprünglich geplant.
Aber JA, er war trotz allem auch gut und JA, auch bei uns wohnt das Glück, wenn auch in kleinerer, anderer und neudefinierter Form…

Und nun beginnt dieser neue Lebensabschnitt und das „Mini-Baby“ ist groß geworden.
Mein Sohn braucht noch immer ganz viel Hilfe und Unterstützung. Aber er hat auch viel gelernt. Sehr viel mehr als prognostiziert.
Ich gebe ihn nun in ganz neue, noch fremde, aber sehr entgegengereichte, liebevolle Hände.

Noch ist hier für uns alles neu und ich sehe meinem frisch gebackenen Schulkind an, dass das Gespenst Zukunft gerade auch bei ihm spukt.

Und so haben wir einen unglaublich anrührenden, sehr emotionalen (ja und auch tränenreichen) Einschulungstag und eine wunderschöne Feier anschließend.
Es fehlt an nichts: die Schultüte ist voller Überraschungen, es gibt Nudeln mit Tomaternsoße zum Mittagessen, den Lieblingsschokoldanenkuchen zum Kaffeetrinken, es darf Traktorgefahren und geritten werden und zum Abendessen machen wir alle zusammen Pizza.

Dem Gespenst haben wir auch ein Stück angeboten, vielleicht ist es weniger spukfreudig, wenn es satt ist?

Kerstin Joedecke ist gebürtige Rostockerin und 43 Jahre alt. Mit ihren beiden Kindern Mathilda (9) und Matteo (7) lebt die gelernte Bankkauffrau mittlerweile in Potsdam. Kerstin liebt es zu schreiben und zu fotografieren. Sie liest gern, aber nur gute Bücher. Manchmal treibt sie auch Sport, aber nur wenn neben Job und Familie noch Zeit bleibt.

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