„Erzähl doch mal …. Annelie!“

Die Rubrik „Erzähl doch mal…!“ erscheint monatlich auf unserer Homepage und stellt jeweils eine Familie mit einem besonderen Kind vor. Hier werden individuelle Geschichten erzählt und Wünsche und Ziele geteilt, die alle in erster Linie eines tun sollen, nämlich Mut machen.

© Annelie Keckstein

© Annelie Keckstein

Annelie lernten wir in einer Facebook-Gruppe kennen, als wir wieder einmal auf der Suche waren nach Erfahrungsberichten zum Thema Urlaub. Annelie organisiert ehrenamtlich Ferienfreizeiten in Dänemark für Familien mit besonderen Kindern. Hier berichtet sie aus ihrem Alltag.

PJeV: Wie sieht Deine Familie aus? 

Annelie: Wir sind zu viert. Unsere beiden Kinder René (24) und Christina (28) hat mein Mann Michael (56) mit in die Ehe gebracht. Christina hat sich im Alter von 16 Jahren bei einer Mutprobe selbst überschätzt und liegt seither im Wachkoma. In der Zeit, in der sie nach ihrem Unfall im Krankenhaus war, und auch in den ersten Jahren danach hatten wir noch die Hoffnung, dass sich ihr Zustand verbessern würde, dass sie wieder aufwachen würde, aber nach fast 11 Jahren freuen wir uns, wenn es nicht schlechter wird.

Wie sieht Dein Alltag aus?

Christina ist zu 100 % auf fremde Hilfe angewiesen, daher bestimmt sie meinen Alltag sehr stark. Von 3 Uhr morgens an bis 24 Uhr bin ich mit ihrer Pflege und Versorgung beschäftigt. Sie muss sondiert, gewickelt, gelagert werden. Das heißt, ich schlafe jede Nacht nur maximal drei Stunden am Stück.

Natürlich mache ich neben Christinas Versorgung auch meinen Haushalt und kümmere mich um meinen Mann und meinen Sohn. Aber die erste Geige spielt immer Christina in ihrer Hilflosigkeit.

Wir stehen gegen 6 gemeinsam auf und an den Vormittagen stehen meist Therapien auf dem Programm. An den Nachmittagen bin ich viel in eigener Sache unterwegs und versuche, meine sonstigen Projekte voranzutreiben. Da nehme ich Christina mit wo es geht. Unser Umfeld muss sich eben daran gewöhnen, dass es uns nur im Doppelpack gibt.

Bist Du berufstätig?

Nein. Ich habe früher eine Ausbildung als Krankenschwester absolviert und auch in dem Beruf gearbeitet. Das hilft mir natürlich heute bei der Pflege und auch bei meinen sonstigen Vorhaben. Nach Christinas Unfall haben wir uns aber entschieden, dass ich Christina zuhause pflege, so lang es geht. Wir wollten sie nicht weggeben.

Was macht Dich im Alltag glücklich? Und welche Momente sind hingegen besonders schwer?

Glücklich macht es mich, wenn ich anderen helfen und ihnen mit meinem Wissen, das ich mir über all die Jahre angeeignet habe, zur Seite stehen kann. Seit einigen Jahren plane ich außerdem Ferienfreizeiten in Dänemark für Familien mit teils sehr schwer behinderten Kindern. Überglücklich machen mich die Augen der Familien, denen ich dank unserer Sponsoren eine solche Reise kostengünstig ermöglichen kann.

Um diese Freizeiten überhaupt durchführen zu können, gibt es das ganze Jahr über viel zu organisieren. Manchmal müssen unmögliche Dinge möglich gemacht werden. Das macht mir unheimlich viel Spaß.

Schwer ist es dagegen, mit Menschen umzugehen, die glauben, die Pflege eines behinderten oder kranken Angehörigen könnte man so nebenbei machen. Man solle sich einfach nicht so anstellen. Das macht mich oft wütend.

Wer betreut Dein Kind? Wie habt Ihr die Pflege organisiert?

Die Pflege von Christina mache ich fast komplett selbst. Aber natürlich versuche ich, alle Unterstützungsleistungen in Anspruch zu nehmen, die man beantragen kann, um hier und da auch etwas Zeit für mich und meine Projekte herausschneiden zu können.

Zum Beispiel nehme ich jeden zweiten Dienstag Verhinderungspflege in Anspruch. Die Eingliederungshilfe kommt zudem regelmäßig. Kurzzeitpflege haben wir verschiedendlich ausprobiert, allerdings jedoch meist mit verherenden Ergebnissen. Christina wurde nicht so versorgt, wie ich mir das vorgestellt hätte. Mir haben da sowohl Umsicht als auch Gewissenhaftigkeit gefehlt. Also lassen wir das lieber bleiben.

Was bedeutet Urlaub für Euch?

Urlaub verbinden wir immer mit Dänemark. Das war vor Christinas Unfall unser Land und ist es bis heute geblieben. Wir fahren oft mehrmals im Jahr dorthin. Da wir mit Land, Leuten und Infrastruktur so gute Erfahrungen gemacht haben, plane ich ja nun auch für andere Familien mit besonderen Kindern Ferienfreizeiten in Marielyst.

Angefangen haben wir das Projekt in 2008 für eine Woche mit 20 Personen in vier Häusern. Nächstes Jahr werden es nun schon vier Wochen mit ca. 140 Personen in 12 Häusern sein. Das ist zwar in der Vorbereitung viel Arbeit, aber sobald wir alle dort oben sind, fängt auch für mich der Urlaub an.

Wenn Ihr als Familie gemeinsam Urlaub macht, wie plant Ihr?

Da wir Dänemark gut kennen, fällt es uns leicht, mit Christina dort hinzufahren. Beim ersten Mal hatten wir noch etwas Muffe, aber mittlerweile sind wir auch im Alltag so routiniert und haben unsere Techniken entwickelt, dass das gut klappt. Unsere Devise lautet: geht nicht gibt´s nicht! Außerdem haben wir ein großes Auto, mit dem wir vieles mitnehmen können. Vor Ort haben wir dann auch alles, was wir brauchen, in der Nähe, bis hin zum deutsch sprechenden Neurologen und Zahnarzt.

Wie habt Ihr Euren schönsten Urlaub verlebt?

Dänemark ist jedes Jahr wieder toll. Am meisten genießen wir es, wenn wir im Rahmen unserer Ferienfreizeiten mit vielen Familien mit besonderen Kindern in Marielyst sind. Dort gibt es immer viel zu erleben, wie das Streicheln einer Berg-Agame im Reptilienzoo, Ausflüge in den Safari-Park oder ins BonBonLand. Dadurch, dass sich vor Ort alle gegenseitig unterstützen, kann außerdem jeder einzelne auch mal ausspannen und sich erholen.

Welche Wünsche und Pläne habt Ihr für die Zukunft?

Ich wünsche mir, dass ich noch lange gesund genug bleibe, um Christina zuhause pflegen zu können. Ich bin jetzt 64. Daher mache ich mir jetzt schon viele Gedanken und bin aktiv auf der Suche nach einer guten Pflegeeinrichtung für sie – und das ist schwer.

Gern möchten wir auch unser großes Haus aufgeben. 240 qm sind auf Dauer zuviel. Am liebsten würden wir ein eigenes Wohnprojekt für behinderte und nicht behinderte, ältere und jüngere Menschen gründen. Die Idee gibt es schon, aber es ist leider nicht ganz einfach, Investoren zu finden.

Sie haben Interesse, Ihre Geschichte mit uns zu teilen? Dann freuen wir uns auf Ihre Kontaktaufnahme unter info@philip-julius.de.

8 Gedanken zu „„Erzähl doch mal …. Annelie!“

    1. Nadine Bauer

      Liebe Annelie, mir hat das Interview mit Dir auch besonders viel Spaß gemacht! Auf Dänemark im Mai nächsten Jahres freue ich mich sehr. Danke, dass wir dabei sein dürfen. Und unsere Leser dürfen sich schon jetzt auf eine Reportage der besonderen Art freuen. Alles Liebe, Nadine

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  1. Elvira keckstein

    Ich wünsche Dir und vor allem den Familien mit den kranken “ Kindern “ das Du noch lange diese unvorstellbare Kraft aufbringen kannst,all das in die Tat umzusetzen ,was fürDich eine Herzensangelegenheit ist .Wenn man zu Annelie sagt : Das geht aber nicht. Sagt Ihr eine Innere Stimme:Das wollen wir doch mal sehen . Und das ist der “ Motor “ der Sie antreibt !!! Ich wünsche Dir ,das Du noch viel ,viel Gutes tun kannst !!!!!!!!!!

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  2. Peggy Altmann

    Wow, was für eine heftige Geschichte! Ich bewundere Annelie für die Kraft, die aus jeder Zeile dieses Interviews strahlt. Toll, was sie alles auf die Beine stellt! Wo finde ich mehr Infos zu dieser Freizeit in Dänemark?

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