Anders und doch normal (11)

Liebe Philip Julius Leser,

ich glaube an Gott und habe ein behindertes Kind. Passt das zusammen? Für viele Menschen in meinem Umfeld eher nicht. Warum? Ein behindertes Kind scheint kein Segen Gottes zu sein, eher eine Bestrafung.

“Wie kannst Du noch an Gott glauben? Er scheint es ja nicht besonders gut mit Dir gemeint zu haben“.

Marcella und Evan

Solche Aussagen habe ich schon sehr oft gehört. Ich laufe jedoch keineswegs mit der Bibel unter dem Arm und Evan an der Hand durch die Straßen und versuche die Menschen zu bekehren. Im Gegenteil: viele Menschen in meinem Umfeld wissen gar nicht, dass ich an Gott glaube und regelmäßig in die Kirche gehe. Ja, richtig. Ich versuche regelmäßig den Gottesdienst zu besuchen. Meistens sogar mit Evan, der sich allerdings mehr in den Vorräumen unserer Gemeinde aufhält, als bei der Predigt dabei zu sein. Evan liebt Kirchen. Er sitzt gerne – wenn die Predigt vorbei ist – auf den Bänken und zelebriert seinen ganz eigenen Gottesdienst. Wenn wir ein neues Dorf in unserem Umkreis erkunden führt sein erster Weg meistens in die Kirche.

Warum scheint es für viele Leute so schwierig zu sein, ein behindertes Kind mit Gott in Einklang zu bringen? Ich möchte diesen Artikel nicht auf biblischen Fakten in punkto Behinderung aufbauen. Ich möchte auf die emotionale, die Gefühlsebene, der Menschen eingehen. Es gab eine Zeit in meinem Leben, da war ich sauer, richtig böse, auf Gott. Warum bekomme ausgerechnet ich ein behindertes Kind? Warum muss mein Kind so viel durchmachen? In dieser Zeit habe ich mich geweigert, Evan das Lied „Guten Abend, Gut´ Nacht“ vorzusingen.
Die Strophe

„(…) Morgen früh, wenn Gott will, wirst Du wieder geweckt. (…)“

wollte mir nicht über die Lippen kommen.

Mittlerweile hat sich das Blatt wieder gewendet. Ich danke Gott jeden Tag dafür, dass er mir so einen wundervollen und einzigartigen Sohn geschenkt hat.

Evan ist für mich ein Geschenk Gottes. Das mag nicht nur kitschig klingen, nein das ist durchaus kitschig – sehr kitschig – dessen bin ich mir bewusst. Mein Leben vor Evan war – von außen betrachtet – sehr erfüllt. Ich habe in Brüssel gelebt und gearbeitet, war jedes zweite Wochenende in Paris. Ich hatte einen großen Freundeskreis, einen interessanten und gutbezahlten Job. Diese Aufzählung könnte ich beliebig weiterführen. Behinderung jedoch gab es für mich damals nur im Fernsehen, wenn überhaupt. Sorgen? Hatte ich damals vielleicht kleine und minimale. Und dann, von heute auf morgen veränderte sich mein Leben: Aus Brüssel und Paris wurde ein kleines nicht erwähnenswertes Dorf bei Bremen, aus meinem interessanten und gutbezahlten Job wurde erstmals „arbeitsunfähig“ und der Status verheiratet veränderte sich in alleinerziehend. Jetzt mögen sich einige von Ihnen zurecht fragen, wo bleibt denn da das Geschenk Gottes? Dieses Geschenk hat vier Buchstaben: EVAN.

Mein neues Leben mit Evan hat mir so vieles nähergebracht. Es hat mir im wahrsten Sinne des Wortes die Augen geöffnet. Es war keine leichte Zeit und ich habe, so viel kann ich Ihnen verraten, diese Veränderungen nicht lachend und gerne in Empfang genommen.
Nein, ich stand nicht mit offen Armen und wallenden Haaren in einem weißen Kleid und barfuß im Garten und habe Gott dafür gedankt. Wirklich nicht.

Erst nach ungefähr zwei Jahren habe ich angefangen, die Veränderung in mir und meinem Leben als etwas Wertvolles zu sehen. Ich habe durch Evan viele Freunde verloren, aber auch wunderbare und einzigartige Freunde dazugewonnen. Ich habe gelernt, dass man im Leben nicht immer auf der Sonnenseite stehen muss, um wirklich ein erfülltes Leben zu haben. Ich habe gelernt, dass das Leben nicht immer fair sein muss, dass einem die Spielregeln nicht immer gefallen müssen. Ich habe gelernt, dass es Behinderungen nicht nur im Fernsehen auf ZDF oder ARD um 20:15 gibt. Und ich habe gelernt, dass Behinderung nicht automatisch bedeutet, auf der Schattenseite zu stehen. Durch Evan habe ich gelernt, was es bedeutet, in vielen Alltagsdingen das Große und Wunderbare zu sehen. Nicht immer auf das ganz große Glück warten zu müssen. Und außerdem habe ich gelernt, auf unbenutzten Klohbürsten, Bratpfannen und Fliegenklatschen „Old Mc Donald Had a Farm“ zu spielen.

Ich laufe aber nicht mit einem Heiligenschein durch das Leben und es gibt durchaus immer noch Tage, an denen es mir schwer fällt, Gott dankbar zu sein und alles positiv und wunderbar zu sehen. Es gibt Tage, an denen wünsche ich mir, dass Evan gesund ist und unser Leben normal und einfach verläuft. Aber irgendwie durchdringt mich auch an diesen Tagen das Gefühl, dass alles richtig ist, genauso wie es ist. Dass unser Leben perfekt unperfekt ist.

Mit meinem Glauben missioniere ich nicht. Ich behaupte nicht, dass jeder Mensch in jedem Schicksalsschlag den Willen Gottes suchen und auf ihn vertrauen sollte. Das steht mir nicht zu und soweit würde ich nie gehen. Ich habe in meinem Leben schon öfter miterleben müssen, dass Eltern ihre Kinder verloren haben. Ihnen zu sagen „vertraue nur auf Gott…!“ würde ich mir nie herausnehmen. Evan ist am Leben und ich musste diese Erfahrung des Verlustes zum Glück noch nie machen, möchte sie auch niemals machen müssen. Und ich kann mir auch nur schwer vorstellen, was diese Erfahrung mit meinem Glauben machen würde.

Im Moment fühle ich mich gesegnet, einen so wundervollen und einzigartigen Menschen meinen Sohn nennen zu dürfen. Dass ich die Ehre habe, ihn großziehen zu dürfen und ihm diese Welt ein bisschen näher zu bringen. Ich bin glücklich und dankbar, dass Evan mich aus meiner Seifenblase geholt hat und ich eine andere Seite im Leben kennenlernen darf.

Liebe Philip Julius Leser, ich wünsche Ihnen von Herzen, dass auch Sie dieses Glück im Leben finden. Egal woran sie glauben.

Herzlichst
Marcella

Die Kolumne „Anders und doch normal“ von Marcella Becker beschäftigt sich mit Themen, die die meisten wenn nicht gar alle Eltern behinderter Kinder kennen.
Marcella wohnt mit ihrem Sohn Evan (5) in der Nähe von Bremen. Evan hat das hypoplastische Linksherzsyndrom (HLHS) und lebt in seiner eigenen, besonderen Welt, denn Evan ist Autist.

Ein Gedanke zu „Anders und doch normal (11)

  1. Lukas

    Hallo Marcella

    Vielen Dank für deinen Text. Als Vater von zwei Kindern mit Autismus sehe ich es mit dem Glauben genau wie du. Ja wir haben möglicherweise einige Arbeit mehr mit unseren Kindern, ja die Zukunft ist nicht einfach 08/15, aber es sind meine Kinder und sie machen mir grosse Freude. Dies schmälert mein Vertrauen auf Gott um keinen deut. Vielmehr staune ich manchmal wie viel uns manchmal zufällt ohne dass wir wissen warum.

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